Artikel von JJ Karambelas
Im Einzelhandel sind Investitionsentscheidungen in Bezug auf Kernsysteme selten einfach. Angesichts des Drucks, das Kundenerlebnis zu verbessern, Kosten zu senken und die Flexibilität zu steigern, stellen sich viele Einzelhändler dieselbe Frage:
Sollten wir unser ERP-System auf eine neue Plattform umstellen oder der Einführung eines Distributed-Order-Management-Systems (DOM) Vorrang einräumen?
Es ist eine entscheidende Entscheidung. Beide Wege versprechen operative Verbesserungen, doch die wirtschaftlichen und technischen Ergebnisse unterscheiden sich erheblich.
ERP-Umstellung: Stärken und Grenzen
ERP-Systeme bilden das Rückgrat der meisten Einzelhandelsunternehmen (ab einer bestimmten Größe) und bündeln die Bereiche Finanzen, Personalwesen, Lieferkette und Beschaffung. Ein ERP-Systemwechsel kann verlockend sein, wenn das aktuelle System veraltet oder unflexibel erscheint.
Mögliche Vorteile einer ERP-Umstellung:
- Modernisiert zentrale Finanz- und Lieferkettenprozesse.
- Kann die technische Schuld verringern, wenn ältere Versionen stark angepasst wurden.
- Sorgt für eine langfristige Standardisierung im gesamten Unternehmen.
Einschränkungen und Risiken:
- Kosten und Zeitplan: ERP-Umstellungen sind kostspielige, risikobehaftete und mehrjährige Projekte, die häufig das Budget überschreiten.
- Gartner stellt eine beispiellose Negativbilanz bei ERP-Projekten fest: **70 % verfehlen die im Business Case festgelegten Ziele, und 25 % scheitern katastrophal.
- Begrenzte Auswirkungen auf das Kundenerlebnis: ERP-Systeme sind nicht für die Bestandssteuerung in Echtzeit, flexible Auftragsabwicklung oder omnichannel ausgelegt.
- Unflexibilität: Selbst moderne ERP-Systeme sind nicht agil genug, wenn es darum geht, neue Fulfillment-Optionen (Versand ab Filiale, Marktplätze, „Endless Aisle“ usw.) schnell einzuführen.
- Risiko der individuellen Anpassung: Oftmals entwickeln Einzelhändler dieselbe Middleware neu, um die Einschränkungen ihres ERP-Systems auszugleichen.
Tatsächlich führt eine ERP-Umstellung zwar oft zu interner Effizienz, bringt aber nur wenig unmittelbaren Nutzen für den Kunden oder Umsatzwachstum.
**https://www.gartner.com/en/information-technology/topics/enterprise-resource-planning
Dezentrales Auftragsmanagement: Ein direkterer Weg zum Kundennutzen
Das verteilte Auftragsmanagement fungiert als Schnittstelle zwischen den Frontend-Kanälen (E-Commerce, POS, Marktplätze) und dem ERP-System und koordiniert Bestände und Bestellungen im gesamten Netzwerk.
Die wichtigsten Vorteile von DOM:
- Bestandsübersicht in Echtzeit: Konsolidieren Sie die Bestände aus Lagern, Filialen und Direktversandpartnern.
- Flexible Auftragsabwicklung: Ermöglichen Sie Versand ab Filiale, Click & Collect, Endless Aisle und Teillieferungen mit minimalen Auswirkungen auf das ERP-System.
- Umsatzwachstum: Lieferengpässen vermeiden, Stornierungen reduzieren und die Konversionsrate steigern.
- Kostenoptimierung: Leiten Sie Aufträge an den rentabelsten Fulfillment-Standort weiter und senken Sie so die Logistik- und Preisnachlasskosten.
- Schnellere Amortisation: DOM lässt sich schrittweise implementieren und bringt bereits nach wenigen Monaten statt erst nach Jahren Vorteile.
- Zukunftssicher: DOM fungiert als Agilitätsschicht, sodass Sie später ERP-, E-Commerce- oder WMS-Systeme wechseln können, ohne die Fulfillment-Logik zu beeinträchtigen.
Realistische Herausforderungen bei der Einführung von DOM:
- Komplexität der Integration: DOM erfordert eine reibungslose Integration mit ERP-, WMS-, POS- und digitalen Vertriebskanälen, was zeitaufwändig sein kann, wenn es sich um Altsysteme oder fragmentierte Systeme handelt.
- Change Management: Die Filialteams und die Fulfillment-Abteilungen müssen sich an neue Prozesse anpassen, z. B. an Arbeitsabläufe für den Versand aus der Filiale oder an geänderte Kommissionierprioritäten.
- Anfängliche Investitionen: Auch wenn DOM kostengünstiger ist als eine ERP-Umstellung, erfordert es dennoch erhebliche Investitionen sowohl in die Technologie als auch in Prozessänderungen.
- Abhängigkeit von korrekten Daten: Ein DOM ist nur so gut wie die Daten, die es erhält. Eine mangelhafte Bestandsgenauigkeit oder verzögerte Aktualisierungen aus Altsystemen können seine Wirksamkeit einschränken.
- Die Auswahl der richtigen Partner: Beim DOM-Erfolg geht es nicht nur um die Installation von Software. Er erfordert eine präzise Integration in bestehende Systeme. Durch die Auswahl eines DOM-Anbieters und eines Systemintegrators, die über nachgewiesene Erfahrung bei der Entkopplung von Auftragsabläufen von bestimmten ERP-Plattformen verfügen, stellen Sie sicher, dass Sie Fallstricke vermeiden und schneller einen Mehrwert erzielen.
Diese Herausforderungen sind real, aber es handelt sich in der Regel um kurzfristige Hürden, während sich die Vorteile schnell summieren.
Vergleich im Unternehmensbereich: ERP vs. DOM
| Abmessung | ERP-Umstellung | Dezentrales Auftragsmanagement |
|---|---|---|
| Kosten | Hoch (mehrjährig, mehrere Millionen) | Maßvolle, modulare Umsetzung |
| Zeit bis zur Wertschöpfung | 18–36 Monate | 4–9 Monate |
| Auswirkungen auf die Kunden | Niedrig (Effizienz im Backoffice) | Hoch (Kundenerfahrung, Flexibilität bei der Auftragsabwicklung, Konversionsrate) |
| Agilität | Begrenzte, fest programmierte Prozesse | Umfangreiche, konfigurierbare Fulfillment-Regeln |
| Risiko | Hoch (Störungen, Scope Creep) | Untere Ebene (schrittweiser Ansatz, schrittweise Einführung) |
| Abhängigkeit | Bindet Sie oft an die Roadmap des Anbieters | Zukunftssichere Lösungen für ERP, WMS und E-Commerce |
Eine ausgewogene Sichtweise: ERP und DOM im Kontext
Es gibt Fälle, in denen die Umstellung auf eine neue ERP-Plattform unvermeidlich ist, zum Beispiel:
- Der ERP-System wird nicht mehr unterstützt und stellt ein Sicherheits- und Compliance-Risiko dar.
- Die Finanz- und Lieferkettenmodule sind so veraltet, dass sie das Geschäft behindern.
Doch selbst in diesen Fällen ist es sowohl wirtschaftlich als auch technisch sinnvoll, dem DOM Vorrang einzuräumen.
Im Handel:
- DOM liefert bereits im selben Geschäftsjahr messbare Umsatzsteigerungen (Conversion, weniger Stornierungen, mehr Auftragseingänge), während es bei ERP-Umstellungen oft Jahre dauert, bis sich der ROI einstellt (sofern überhaupt).
- Frühe Erfolge in den Bereichen Fulfillment und Kundenerlebnis können eine spätere ERP-Umstellung finanzieren oder rechtfertigen.
Technisch gesehen:
- DOM entkoppelt Auftragsorchestrierung die Bestandsverfügbarkeit vom ERP-System, wodurch die Abhängigkeit von ERP-Anpassungen verringert und eine spätere Umstellung des ERP-Systems erleichtert wird.
- Einzelhändler können DOM schrittweise einführen, beginnend mit dem E-Commerce, und es anschließend auf Filialen, Marktplätze und den Großhandel ausweiten.
- Sobald das DOM in Betrieb ist, kann das ERP-System darunter ausgetauscht oder aktualisiert werden, ohne dass es zu nennenswerten Unterbrechungen kommt.
Eine weitere Möglichkeit: ERP und DOM parallel betreiben
- Einzelhändler können ihre Finanz- und Lieferkettenprozesse durch eine ERP-Umstellung stabilisieren oder modernisieren und gleichzeitig DOM einsetzen, um kundenorientierte Prioritäten anzugehen.
- Ein mehrschichtiger Ansatz gewährleistet die Geschäftskontinuität: DOM schützt die Frontend-Kanäle vor Änderungen am ERP-System, sodass die Abwicklungslogik während der Migration nicht beeinträchtigt wird.
- Dieser Ansatz senkt das Risiko. Verzögerungen im ERP-System behindern die Innovation auf Kundenseite nicht, und DOM bietet ein Sicherheitsnetz für die Auftragsabwicklung, selbst wenn sich die Meilensteine im ERP-System verschieben.
Auch hier ist Integrationskompetenz von entscheidender Bedeutung. Der parallele Betrieb von DOM und ERP ist nur mit einem soliden Architekturkonzept realisierbar. Ein erfahrener Systemintegrator, der bereits Middleware und Entkopplungsschichten rund um ERP-Systeme entwickelt hat, weiß, wie man verhindert, dass Verzögerungen bei der ERP-Umstellung DOM-Initiativen zum Scheitern bringen. Die richtige Kombination aus Systemintegrator und DOM-Partner stellt sicher, dass sich die beiden Programme ergänzen, anstatt miteinander zu konkurrieren.
Empfehlung: Setzen Sie auf DOM statt auf ERP
Einzelhändler gewinnen die Kundentreue nicht durch bessere Finanzsysteme. Sie gewinnen sie, indem sie eine zuverlässige, flexible Auftragsabwicklung, ein einheitliches Kundenerlebnis über alle Kanäle hinweg und ein verlässliches Kundenzusagen bieten. DOM macht dies möglich.
Durch die frühzeitige Einführung eines Distributed Order Management-Systems erzielen Einzelhändler sofortige wirtschaftliche Vorteile – höhere Konversionsraten, geringere Fulfillment-Kosten und höhere Kundenzufriedenheit. Gleichzeitig wird das Risiko einer zukünftigen ERP-Umstellung minimiert, indem das Versprechen und die Erfüllung von den Backoffice-Prozessen entkoppelt werden. DOM bietet eine flexible Change-Management-Ebene, die darauf ausgelegt ist, den Umfang und die sich ständig ändernde Komplexität der kundenbezogenen Anforderungen zu bewältigen.
Fazit: Wenn Sie sich entscheiden müssen, wo Sie zuerst investieren sollen, bietet DOM mehr Wert, schneller und mit geringerem Risiko. Und wenn Sie beide Transformationen parallel durchführen müssen, sorgt DOM dafür, dass Ihr Kundenerlebnis geschützt und profitabel bleibt.